Gestern hatte ich einen kritischen Post über einen Spiegel-Beitrag geschrieben, der sich mit dem Freitod der jungen Spanierin Noelia Castillo befasste.
In diesem Zusammenhang kritisierte ich, dass dort nicht erwähnt wurde, Castillo sei zunächst Opfer einer Gruppenvergewaltigung n, bevor sie einen ersten missglückten Suizidversuch unternahm, nach dem sie querschnittsgelähmt war und unter anderem deshalb nicht mehr weiterleben wollte.
Ich adressierte deshalb direkt den Spiegel-Redakteur Dietmar Hipp, mit dem ich gelegentlich im Austausch bin, und fragte ihn, warum dieser Umstand in dem Beitrag nicht erwähnt worden sei. Die darauf folgende Diskussion war aus mehreren Gründen erkenntnisreich. Und ich möchte mich bei Herrn Hipp ausdrücklich dafür bedanken, dass er sich in diesem Thread so intensiv zu Wort gemeldet hat.
Zunächst zu den Fakten:
1. Es handelte sich nicht um einen originären Spiegel-Artikel, sondern um eine von dpa übernommene Meldung.
2. Im Laufe der Diskussion wurde zudem deutlich, dass keineswegs feststeht, ob es diese Gruppenvergewaltigung überhaupt gegeben hat. Castillo hatte eine sehr schwere Kindheit und wurde nach eigenen Angaben dreimal sexuell missbraucht: von einem ehemaligen Partner, ein weiteres Mal von zwei Männern in einem Nachtclub und ein drittes Mal ebenfalls in einem Nachtclub von drei Männern. Dafür, dass die Übergriffe - wie in Spanien mehrfach behauptet - in einer Betreuungseinrichtung erfolgt seien, gibt es wohl keine belastbaren Belege. Auch ob die Täter einen migrantischen Hintergrund hatten, ist unklar.
3. Das Narrativ einer Gruppenvergewaltigung wurde allerdings auch andernorts aufgegriffen: unter anderem in einem inzwischen überarbeiteten Artikel der Welt, in verschiedensprachigen Wikipedia-Einträgen und in zahlreichen weiteren internationalen Berichten. Auch Tagesschau oder SRF verwendeten diese Formulierung. Einige Screenshots dazu finden sich im Thread. Hinzu kamen viele entsprechende Behauptungen in sozialen Medien sowie entsprechende Äußerungen spanischer Politiker.
Was im Einzelnen wirklich passiert ist, wird sich also öffentlich womöglich nie mehr aufklären lassen. Die Behauptung, es habe eine von Migranten begangene Gruppenvergewaltigung gegeben, ist jedenfalls so nicht haltbar. Entsprechend habe ich mich in einem Anhang zu meinem ursprünglichen Post bereits korrigiert.
Ich möchte weiter auf folgende Punkte hinweisen:
1. Grundsätzlich würde ich erwarten, dass dort, wo Spiegel draufsteht, auch Spiegel drin ist. Natürlich ist klar, dass Medien Agenturmeldungen häufig mehr oder weniger unverändert übernehmen. Generell würde ich mir aber eine klarere Kennzeichnung wünschen.
2. Die Darstellung, es habe eine Gruppenvergewaltigung gegeben, womöglich sogar eine durch Migranten, war in der öffentlichen Debatte bereits so weit verbreitet, dass sie in unterschiedlichem Umfang auch von seriösen Medien übernommen wurde (sic). Insofern mache ich mir keinen Vorwurf, diese Darstellung zunächst ebenfalls aufgegriffen zu haben, korrigiere sie aber selbstverständlich. Zugleich bleibe ich bei dem Punkt, dass ein Beitrag, der sich mit diesem Fall befasst, auch auf solche im Raum stehenden Behauptungen eingehen sollte - schon um sich nicht dem Vorwurf auszusetzen, hier werde etwas unterschlagen. Der Kern meiner Kritik bleibt daher erhalten.
3. Dietmar Hipp hat sich sehr intensiv in die Diskussion eingebracht und dabei viel zur Aufklärung beigetragen. Dafür danke ich ihm ausdrücklich. Würden mehr klassische Journalisten in sozialen Medien auf diese Weise präsent und ansprechbar sein, wäre ihr Ruf in vielen kritischen Milieus vermutlich besser, und manche falschen Nachrichten würden sich deutlich schlechter verbreiten.
Das führt mich zu zwei grundsätzlicheren Gedanken:
1. Zunächst etwas profanes: Ich sage seit langem, dass man Social Media nur den klügsten Köpfen einer Organisation überlassen sollte. Wie viel Vertrauen schon durch die Haltung verspielt wurde, man könne das "mal den Praktikanten machen lassen", lässt sich kaum ermessen. Mehr Dietmar Hipps an den Tasten würden helfen.
2. Grundsätzlicher: Die Gesellschaft befindet sich in einer Übergangsphase. Die alten einfachen Wirklichkeiten und einfachen Wahrheiten tragen immer weniger. Die Welt wird vielschichtiger, widersprüchlicher und in Teilen auch virtueller und mehr Metaebene. Darauf müssen sich die Medien einstellen. Indem sie manche dieser Ebenen ausblenden oder meinen, sich mit ihnen nicht befassen zu müssen, verspielen sie Vertrauen und befeuern am Ende die Radikalisierung des Meinungsraums. Dazu werde ich in absehbarer Zeit noch ausführlicher schreiben.
Das für heute. Anregungen und Kritik sind wie immer willkommen.
Und der Sicherheit halber - damit ich nicht wieder gut gemeinte Ratschläge bekomme: Das ist nur meine Meinung, und ich erhebe keinen Anspruch darauf, dass sie richtig ist.
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